Abschluss…

Diesen Bericht habe ich nun schon mehrfach angefangen, doch nie zu Ende gebracht. Vielleicht weil ich mein Jahr in Kolumbien noch nicht richtig abgeschlossen hatte, um einen Abschlussbericht zu schreiben. Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich dort wieder angekommen, wo ich im September 2016 gestartet war: am Frankfurter Flughafen. Meine Familie nahm mich in Empfang, ich erzählte mehrfach dieselben Anekdoten und tanzte Salsa-Schritte vor. Anschließend gab es ein einwöchiges Abschlussseminar samt Urkunde und ich wurde mehr oder weniger aus meinen weltwärts-Diensten entlassen. Der Stress um die Uni- und Studienplatzsuche nahmen mich anschließend ein und irgendwie war nie Zeit da, mein Erlebtes nochmal zu verarbeiten, um es ein wenig floskelhaft auszudrücken. Jetzt nach einem Jahr scheint der Zeitpunkt deswegen passend, um über meinen eigenen Freiwilligendienst, Entwicklungspolitik und Nord-Süd- Unterschiede zu schreiben. Über Themen also, über die mich mein Freiwilligendienst zum Nachdenken angeregt hat.

Tausende junger Menschen machen sich wie ich jedes Jahr auf in die Welt, um einen Freiwilligendienst zu leisten. Allein im Jahr 2017 verzeichnete das weltwärts-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 3.217 Freiwillige in Ländern wie Indien, Tansania oder eben auch in Kolumbien. Die Zahl an Freiwilligen ist nach einem sehr starken Anstieg zu Anfang des Programms (2008) zuletzt auf einem konstanten Niveau geblieben. Doch die Nachfrage boomt: Neben weltwärts bieten andere Schirmherren Freiwilligen- und Austauschprogramme an. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich nach einer verkürzten G8-Schulzeit (leider hauptsächlich AbiturientInnen) für ein Jahr zwischen Schule und der weiteren Ausbildung, dem sogenannten Gap Year. Denn auch immer mehr Arbeitgeber, Hochschulen und Stipendienwerke suchen nach jungen Menschen mit „Auslandserfahrung“. Besonders üblich ist auch die Frage nach sozialem Engagement. Bewirbt man sich beispielsweise auf ein Stipendium der politischen Stiftungen – Konrad-Adenauer, Friedrich-Ebert etc., ist der Nachweis über soziales Engagement ein absolutes Muss. Mit Weltwärts lassen sich soziales Engagement und Auslandserfahrung perfekt in einem vereinen. Ein Freiwilligendienst macht sich also super Lebenslauf.

Dennoch habe ich häufiger über die Sinnhaftigkeit meiner alltäglichen Arbeit in der Schule nachgedacht. Ich war gekommen, um in der Schule Englisch zu unterrichten und irgendwie auch um etwas Gutes zu tun. Mit dieser Einstellung kommen viele der Freiwilligen in ihren Einsatzstellen an und werden erst einmal enttäuscht. Denn man merkt schnell, dass es gar nicht so leicht ist, die Welt zu verbessern. Im Gegenteil, anstatt den Kindern in der Schule etwas beizubringen, musste ich erstmal die Schulbank drücken und lernen, wie das Leben in Kolumbien eigentlich läuft. Die Lehrer unterrichten auf eine andere Art und Weise, als ich es gewohnt war. Schüler und Lehrer können ein viel näheres Verhältnis zueinander haben und das Lernen der Kinder kann davon auch profitieren. Der Anfang wurde für mich und auch einige meiner Mitfreiwilligen schwierig, weil wir feststellten, dass unsere Vorstellungen gar nicht so schnell in die Tat umsetzen werden konnten wie geplant. Ich habe mit Sicherheit in meinem Freiwilligendienst mehr gelernt, als ich den Kindern beibringen konnten.

Was möchte ich also mit diesem Beitrag sagen? Dass Freiwilligendienste per se abgeschafft werden sollen? Nein, das sicher nicht. Ich finde den Austausch von jungen Menschen wichtig und gut. Unsere Welt wird immer vernetzter und immer mehr Menschen (die aber immer noch eine krasse Minderheit darstellen) können inzwischen alle Teile der Welt bereisen. Trotzdem oder auch gerade deswegen sehen wir einen Rückzug ins Nationale und weltweit ziehen wir Zäune und Mauern an unseren Grenzen hoch, egal ob um Europa oder aktuell auch in Südamerika, wo Venezolanische Flüchtlingen auf Abneigung und Widerstand stoßen. Eigentlich bin ich kein Freund dieser Floskel, doch sie trifft zu: Menschen werden toleranter, wenn sie andere Länder und Kulturen kennenlernen. Wir brauchen also mehr als weniger Austausch. Das bedeutet aber nicht, alle Kritik unter den Tisch fallen zu lassen. Warum auch nicht einen Austausch im kleineren fördern. Schüleraustausche zwischen west- und ostdeutschen Bundesländern könnten Jugendliche beider Seiten von Ressentiments befreien. Auch gerade da diese Woche tausende Rechte in Chemnitz gezeigt haben, wie einige wenige die komplette mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen und dem Ruf der restlichen Bevölkerung schaden können. Mehr Austausch und nicht weniger! Dennoch ist Masse nicht Klasse. Wir müssen darauf achten, dass Austausch sinnvoll ist. In meinem Fall hoffe ich, einigen der Schüler gezeigt zu haben, dass die Welt größer ist als San Marcos, Mulaló oder Yumbo. Bei meinem Abschied sagte Alicia, die Schuldirektorin, dass sie mein Schwärmen von Kolumbien dazu angeregt habe, ihr eigenes Land besser kennenzulernen und mehr reisen zu wollen. Freiwilligendienste haben also auch einen Mehrwert für beide Seiten (hoffe ich). Es hängt bloß davon ab, wie die Freiwilligen ihn bestreiten. Im Nachhinein bereue ich es auch ein wenig, an Wochenenden häufig Kurztrips unternommen zu haben und an der Atlantik-Küste herumgeflogen zu sein. Ein unvergessliches Erlebnis, das aber nur einem kleinen Teil der kolumbianischen Bevölkerung möglich ist.

Damit komme ich zu meinem nächsten Punkt. Wie damit umgehen, dass ich die Möglichkeit habe in Kolumbien zu sein, während diese Möglichkeit andersherum nicht besteht? Ich genieße schließlich eine Vielzahl von Privilegien, die einem Großteil der Weltbevölkerung verwehrt bleiben. Ich bin in einem der reichsten Länder der Erde geboren, kann mit meinem Pass in jedes Land der Erde problemlos einreisen (glaube ich zumindest…), mir droht keine Verfolgung und ich werde bei meiner Ausbildung sowie auch bei meinem Freiwilligendienst vom Staat finanziell unterstützt. In Kolumbien sieht das Leben in einigen dieser Punkten wesentlich anders aus. Man muss daher besonders aufpassen, den Menschen in sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern nicht mit einer Ich-weiß-es-besser-Arroganz zu begegnen. Zuhören und lernen steht daher ganz am Anfang eines Freiwilligendienstes. Die bestehenden Unterschiede zwischen Globalem Süden und Norden versucht die Entwicklungspolitik der Industriestaaten seit Jahrzenten anzugleichen und ein Ende der Aufgabe ist immer noch nicht in Sicht. Unmengen an Geld sind mit der Zeit von Norden nach Süden geflossen und ein vermutlich größerer Teil wieder zurück. Entwicklungshilfe wurde in Entwicklungszusammenarbeit umbenannt, doch vieles hat sich ansonsten nicht verändert. Deutschland bleibt Exportweltmeister und Kolumbien bleibt Kokain-Exporteur Nummer eins. Es gibt aber auch Erfolge. Die weltweite Armut geht zurück, immer mehr Kinder können gegen Krankheiten geimpft werden und besuchen eine Schule. Kluge Köpfe entwickeln weiterhin Ideen, um diesen Weg weiterzugehen. (An dieser Stelle sei das Buch von Rutger Bregman „Utopia for realists“ empfohlen, das ich kürzlich verschlungen habe.)

Was nehme ich also aus meinem Jahr in Kolumbien mit? Freiwilligendienste werden vom deutschen Staat größtenteils finanziert. Im Fall von Weltwärts steuert das BMZ über die Hälfte der anfallenden Kosten von 10.000 Euro bei, der Rest wird von den Entsendeorganisationen und auf Spendenbasis getragen. Ich möchte das Modell Freiwilligendienst nicht generell verurteilen, sondern nach Wegen suchen, ihn fair und wirksam für beide Seiten zu gestalten. Eine Möglichkeit darin besteht z. B. im Süd-Nord Programm, das ein weltwärts-Freiwilligenjahr in Deutschland für Menschen aus dem Globalen Süden ermöglichen soll. Mittelfristig soll das Programm eine Anzahl von 800 Freiwilligen erreichen. Das wäre lediglich ein Viertel der Freiwilligen, die andersherum von Deutschland aus in die Welt gehen. Auf Augenhöhe ist auch das noch nicht, aber immerhin ein Anfang…

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Zwischenbericht III

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Einige Zeit ist vergangen, seitdem ich im März meinen letzten Bericht zum Stand meines Freiwilligendienstes verfasst habe – und mindestens genauso viel ist auch passiert. Beispielsweise gab es einige wichtige organisatorische Probleme und Veränderungen, die ich im Folgenden gerne erläutern möchte.

Auf den Tag genau neun Monate, also 274 Tage ist es her, dass ich zusammen mit 26 anderen jungen Menschen ein wenig müde, aber mit großen Erwartungen und noch größerer Aufregung in Cali am Flughafen angekommen bin. Nun blicke ich auf diese Zeit zurück und erinnere mich, wie die Zeit erst sehr langsam und dann immer schneller vergangen ist. So schnell, dass ich mich jetzt frage, wo die ganze Zwischenzeit hin verschwunden ist. Und nun bleiben tatsächlich nur noch zwei Monate – oder genauer: 66 Tage. Denn vor einigen Wochen habe ich bereits mein Rückflugticket nach Deutschland erhalten. Am ersten September werde ich zurückfliegen und nach einem ganzen Tag in Flugzeugen genauso müde und voller Erwartungen und noch größerer Aufregung wieder in Deutschland ankommen. Was sich wohl verändert hat? Ob ich mich verändert habe? Was werde ich dann überhaupt machen? Sind meine Freunde noch da und überhaupt, werden wir uns noch so verstehen wie früher? – All das sind sehr viel Fragen, auf die ich dann wohl doch erst in 66 Tagen und der Zeit danach eine Antwort bekommen werde. Deswegen beschäftige ich mich zunächst einmal mit der Zeit, die noch vor mir liegt – oder, wie im Falle dieses Berichts, mit der Zeit, die hinter mir liegt.

Denn schließlich ist viel passiert, von dem ich erzählen möchte und auch sollte. Es liegt nämlich hinter mir und den anderen Freiwilligen eine Zeit, in der wir nicht immer wussten, wie es mit uns weitergeht. Teilweise sah es sogar so aus, als müssten wir nach Hause fahren und unseren Freiwilligendienst hier abbrechen. Schließlich hat sich die Situation aber gelöst und seit Mai sind wir bei einer neuen Entsendeorganisation – Volunta, dem Deutschen Roten Kreuz in Hessen. Wie es zu diesem Wechsel gekommen ist, ist mir immer noch ein wenig schleierhaft. Ich werde aber trotzdem versuchen, das Ganze neutral und so, wie es sich mir präsentiert hat, darzustellen.

Im Februar auf unserem planmäßigen Zwischenseminar wurde uns mitgeteilt, dass es ein anonymes Schreiben gebe, das Schule fürs Leben beschuldigt, nicht richtig mit Geldern umgegangen zu sein (Das Schreiben und die enthaltenen Vorwürfe habe ich leider nie gelesen). Dieses Schreiben sei beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eingegangen und habe dieses dazu veranlasst, die Fördergelder für SfL nicht weiter auszuzahlen. Es bedrohe außerdem auch unsere weltwärts-Finanzierung und es bestehe die Gefahr, dass unser Freiwilligendienst vorzeitig enden könne. In dieser angespannten Situation ging es für uns weiter und Februar und März verstrichen ohne sichtliche Fortschritte. In den Mails der Koordinierungsstelle des weltwärts-Programms sagte man uns, man arbeite an einer Lösung. Für unsere Gruppe eine belastende Situation, da wir alle damit gerechnet hatten, ein Jahr weg von Zuhause zu sein. All dies könnte sich aber vom einen auf den anderen Tag ändern.

Die erlösende Mail erreichte uns schließlich im Mai. Eine neue Trägerorganisation würde unsere Entsendung und unsere Betreuung in Kolumbien übernehmen. Seit Mai stehen wir nun bei Volunta – dem Deutschen Roten Kreuz in Hessen unter Vertrag. Vor Ort werden wir dabei von Natalia und Martin betreut, die seit einigen Jahren deutsche Freiwillige in Boyacá, nördlich von Bogotá, in Schulen begleiten.

–        Von Schule fürs Leben und den Mitarbeiter hier in Kolumbien haben wir uns verabschiedet. Wie es mit der Organisation und ihren Projekten weitergeht und ob alle Anschuldigungen des anonymen Schreibens vom Tisch sind oder nicht, wissen wir nicht.       –

Als wäre diese Situation nicht schon belastend genug gewesen, kam im Juni dann auch das nächste Problem auf mich zu. Die Lehrer aller öffentlicher Schulen gingen in den Streik, um für mehr Lohn und gegen die Sparpolitik der Regierung in Sachen Bildung zu demonstrieren. In dieser Zeit wurde mir von Seiten der neuen Organisation freigestellt, was ich in dieser Zeit anfange. Da man nie wusste, wie lange der Streik noch andauern würde, konnte ich schwer längerfristig planen. Um die Zeit nicht zu vergeuden, begleitete ich die meiste Zeit eine andere Freiwillige in ihrem Projekt. Sie arbeitet in einer Bibliothek und versucht, neben Deutsch- und Englischkursen, bei Kindern das Interesse an Literatur zu wecken.

Insgesamt dauerte der Streik fünf Wochen an, in denen ich teilweise auch in die Schule konnte und mit 10. Und 11. Klässlern, als auch mit den Erwachsenen in der Abendschule, Englisch-Crashkurse gemacht habe. Nun bin ich seit zwei Wochen wieder im Arbeitsalltag und hoffe, die letzten zwei Monate / 66 Tage voll ausnutzen zu können. Denn Diego (Englisch-profe) und ich haben uns viel vorgenommen. Das kolumbianische Bildungsministerium hat endlich die Online-Version eines Englischbuchs herausgebracht. Vorher basierte der Unterricht aufgrund von fehlenden Büchern lediglich aus Tafel und mündlichem Unterricht. Nun haben wir anschauliches Material, das auch noch auf kolumbianische Schüler zugeschnitten ist (z. B. Lateinamerikanische Namen, Themen und Orte).

Dieser Bericht wäre laut unseren neuen Vorgaben gar nicht nötig gewesen. Ich habe mich aber verpflichtet gefühlt, nach all diesen Ereignissen, den Lesern und Spendern in Deutschland davon zu berichten. Das nächste Mal wird dann mein letzter, abschließender Bericht folgen. Und dann, nach insgesamt 340 Tagen wird es Zeit, Resümee zu ziehen – doch bis dahin bleiben mir noch zwei Monate, oder genauer: 66 Tage!

Ein begrabener Konflikt?

Tag 272

_image_desktopw1880h10000q82-6d19b2173daf4b5dEin mit den FARC geschlossenes Abkommen und der Friedensnobelpreis für Präsident Santos – eigentlich klingt alles so, als würden wir Zeugen eines historischen Events: dem Frieden in Kolumbien nach Jahrzehnten von Krieg und Vertreibung. Und auch ich erlebe in meinem Alltag in Cali und auf meinen Reisen ein Land, das den Anschein erweckt, den Konflikt hinter sich gelassen zu haben. Doch spiegelt das Leben in einer Großstadt oder der Besuch touristischer Sehenswürdigkeiten wirklich wider, wie es der im ganzen Land verstreuten Bevölkerung geht?

Die karibische Nordküste Kolumbiens beispielsweise. Städte wie Cartagena und Santa Marta ziehen Menschen aus aller Welt an. US-Amerikaner, Europäer, Lateinamerikaner… Als mir ein Straßenhändler in Cartagenas Altstadt nach hartem Feilschen um einen Sonnenhut mein Wechselgeld gab, war ich zunächst einmal bluff – denn ich hatte auf einmal einen Dollar in der Hand. Kann in einem Land wie diesem, das der Tourismus gerade für sich entdeckt, noch Krieg herrschen?

Auch andere Teile Kolumbiens lassen einen nicht denken, man befinde sich in einem Land, das mit über sechs Millionen vertrieben Menschen mehr Kriegsflüchtlinge beherbergt als Syrien. Im Gegenteil: befindet man sich in Bogotá, der Hauptstadt, fühlt es sich sogar an, als sei man in einer europäischen oder nordamerikanischen Großstadt. Kleidungsstil, Architektur, Restaurants… Bogotá bietet seinen Einwohner, als auch Besuchern, das volle Konsumerlebnis nach westlichem Vorbild – und die vielen Einkaufszentren der acht Millionen-Metropole unterstützen dies sehr.

Doch genau in einem dieser Zentren wurde am Samstag vergangener Woche ein Anschlag verübt. Eine Bombe explodierte auf der Frauentoilette und riss drei Menschen mit in den Tot. Plötzlich kehrt das hässliche Bürgerkriegs-Gesicht in den kolumbianischen Alltag zurück – mitten in das Leben des modernen Kolumbiens. Und man merkt, dass der Konflikt doch noch nicht vorbei ist.

Schuld an dem Attentat ist vermutlich die linke Guerilla-Gruppierung ELN (Ejército de Liberación Nacional). Sie ist nach der FARC mit immer noch über 1000 Kämpfer die größte Guerilla in Kolumbien und hauptsächlich in den Drogenanbau und -handel verstrickt.

Am Wochenende des Anschlags war ich gerade Bogotá und habe erst vom Anschlag durch einen besorgten Anruf meiner Mutter gehört. Wir waren an diesem Tag zwar außerhalb der Stadt, doch das Ereignis zeigt mir, dass der Weg für Kolumbien noch ein sehr langer ist. Denn ein Friedensvertrag mit der ELN muss noch geschlossen werden.

Und auch die über sechs Millionen Menschen sind größtenteils noch immer nicht in ihr Zuhause zurückgekehrt: http://www.sueddeutsche.de/politik/friedensprozess-in-kolumbien-ausbruch-aus-der-gruenen-hoelle-1.3398445

 

Desierto de la Tatacoa

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So ähnlich dürfte es auf dem Mars aussehen, denke ich mir und schaue in die trockene Landschaft mit ihren rötlichen Gesteinsformationen, die mich umgibt – gut, bloß die Kakteen muss man sich wohl wegdenken.

Ich befinde mich in der Tatacoa-Wüste, einem erstaunlichen Ort, gar nicht so weit weg von Cali, im nahegelegenen departamento (ähnlich unseren Bundesländern) Huila gelegen. Eigentlich liegt zwischen den beiden Orten keine große Distanz. Luftlinie sind es gerade einmal 150 Kilometer weiter östlich zur Wüste, doch aufgrund von Gebirgen und schlechten Straßen muss man mit dem Bus eine Strecke von 490 km zurücklegen, um ans Ziel zu gelangen. Dieser Umweg hat schließlich neun Stunden nächtliche Busfahrt für uns bedeutet.

Doch das erste, was ich nun lerne, ist, dass die Tatacoa gar keine Wüste ist. Sie ist nämlich Teil des sogenannten tropischen Trockenwaldes, da man relativ nah unter der Erde auf Grundwasser stößt. Doch oberhalb der Erde bekommt man nicht viel davon mit. Denn bis zu drei Meter hohe Steilwände aus getrockneter und abgetragener Erde ragen aus dem Boden und prägen das Bild der Tatacoa. Läuft man durch dieses Labyrinth, verschwindet die Sonne teilweise und man fühlt sich tatsächlich wie in einer Mars-Landschaft. Doch nicht nur die besondere Landschaft zieht Astro-Fans an. Denn die abgelegene Lage, fern von Großstädten, macht die Tatacoa(-Wüste) aufgrund fehlender Lichtverschmutzung zu einem guten Ausgangspunkt für Blicke in den Sternenhimmel. Und auch ich glaube, noch nie einen so klaren Sternenhimmel gesehen zu haben. Wenn man möchte, kann man in einem der beiden Observatorien sich auch die Sternenbilder und deren Geschichten erklären lassen.

Sie ist zwar eigentlich keine, aber ich finde, ich kann trotzdem sagen, dass ich nun das erste Mal in einer Wüste war.

 

Nur noch rot!

Rot oder grün – das ist hier die Frage. Und wie oft ich diese Frage in den letzten (ziemlich genau) acht Monaten über mich ergehen lassen musste, kann ich gar nicht mehr zählen.

Es geht um Fußball – genauer gesagt um die beiden Clubs, die in Cali die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die sich auch in der höchsten kolumbianischen Spielklasse, der Liga Águila, messen. Rot steht für das Team von América Cali. Obwohl sie 13-facher Meister der kolumbianischen Liga sind, musste das Team die letzten fünf Jahren in der 2. Spielklasse verbringen und der Mannschaft aus Cali mit den grünen Trikots – Deportivo Cali – das Feld überlassen. Diese Saison hat América aber in einer spannenden Relegationsrunde den Wiederaufstieg geschafft. Damit ist allerdings auch die ewige Rivalität zwischen beiden Clubs wiedererstarkt und es kommt regelmäßig zu Auschreitungen in und auch außerhalb der Stadien. Es kann sogar gefährlich sein, am Spieltag in rot oder grün gekleidet durch die Stadt zu laufen.

Beim ersten América-Spiel dieser Saison haben wir es uns aber trotzdem nicht nehmen lassen, der kolumbianischen Fußballkultur einen Besuch abzustatten. Und am besten nehme ich es gleich vorweg – wir haben entgegen aller Warnungen keine negative Erfahrung gemacht. Im Gegenteil: man wird von Beginn an von der Stimmung der Fans mitgerissen (auch weitaus besser als das, was uns von beiden Teams auf dem Platz geboten wurde). Obwohl das gesamte Stadion aus Sitzplätzen besteht, stehen über 70 Prozent der Besucher und singen und klatschen aus vollem Halse. Dabei sind interessanterweise auch Unterschiede zur deutschen Stadion-Gesangskultur zu erkennen, denn es ist nichts ungewöhnliches, plötzlich den Salsa-Rhythmus einer Trompete aus all dem Lärm herauszuhören. Alles in allem ein sehr schönes Erlebnis an einem sonnigem Samstag-Nachmittag in Cali. Festlegen, ob rot oder grün, mache ich dann aber besser doch nicht…

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Facettenreich

Tag 213

Eine kleine Geschichte, die ich schon viel länger zu Ende schreiben wollte und dies nun endlich getan habe:

„Verdammt, mein Rucksack ist weg!“, ruft Julian laut und schaut uns empört an. „Das waren wahrscheinlich die Kids, die eben auf ihren Fahrrädern hier waren und uns nach Zigaretten gefragt haben…“. Die „Kids“ waren circa vier oder fünf 15-jährige auf ihren BMX-Rädern, die uns ordentlich ausgetrickst haben. Während die einen uns abgelenkt haben, haben die anderen schnell den im Gras versteckten Rucksack geklaut. Das ist natürlich nicht sehr hilfreich, denn in dem Rucksack hatten wir einige Sachen transportiert, die wir für unseren kleinen Ausflug gebrauchen konnten.

Der Plan lautete nämlich über Lukas Geburtstag hinweg, eine Nacht beim Wildcamping zu verbringen. Deswegen hatten wir uns auf den Weg entlang des Rio Calis gemacht. Dieser fließt nämlich durch die gesamte Stadt, von Norden nach Süden. Nun waren wir an dem Teil angekommen, an dem der breite, steinige Weg endet und man durch den Fluss weiterwaten muss. Ausgerechnet an dieser Stelle entschlossen wir uns, ein Bad zu nehmen – und genau an dieser Stelle, naja, haben Sie uns beklaut. Wieder einmal zeigt Cali sein hässliches, kriminelles Gesicht. Denn auch schon vorher wurden einige Freiwillige in Cali ausgeraubt – Handys, Rucksäcke und Portemonnaies…

Etwas betrübt setzten wir unseren Weg aber fort, denn schließlich ist morgen Lukas‘ Geburtstag und wir wollen uns die Stimmung nicht verderben lassen. Deswegen durchqueren wir weiter den Fluss und folgen den kleinen Trampelpfaden bis wir an einen kleinen Platz kommen. Es dauert zwar ein bisschen länger, aber schlussendlich schaffen wir es auch, dort unser mitgebrachtes Zelt aufzuschlagen. Da es erst gegen 3 Uhr ist, entscheiden wir uns noch dazu, ein wenig die Gegend zu erkunden. Aus einem kleinen Trip sollte dann aber doch ein etwas längerer Ausflug werden.

Weiter über den Trampelpfad, entlang des Flusses, rechts abbiegen, die Anhöhe hinauf und – plötzlich öffnet sich das Tal und wir haben einen wunderschönen Ausblick über den Fluss, der sich elegant durch die Berge in Richtung der Stadt schlängelt. Weit oberhalb des Flusses folgen wir dem Weg, der an einer Art Kanalsystem entlang weiter in Richtung der Berge führt. Die Landschaft ist wunderschön, denn nach all dem Lärm und Schmutz der Stadt tut es unheimlich gut, im dämmrigen Sonnenuntergangs-Licht neues Terrain zu erkunden. Keine Menschenseele ist hier oben mit uns und wir fühlen uns unglaublich cool – ein bisschen wie Entdecker. So lange bis hinter einer der vielen Kurven eine Gestalt um die Ecke kommt, immer größer wird und langsam auf uns zukommt. Da der Weg der einzige ist, der entlang des Hangs führt, nähern wir uns unweigerlich der Person, die auch noch in Begleitung eines Hundes unterwegs ist. Auch wenn wir drei es uns nicht eingestehen wollen, haben wir ein leicht schummriges Gefühl im Magen – mit dem Gedanken an die BMX-Diebe und den gestohlenen Rucksack…

Zuerst begegnen wir dem Hund, der – ein wenig vorausgeeilt – uns knurrend begutachtet. Anscheinend ist auch er nicht an viele Besuche in dieser Gegend gewöhnt. Das schneidende Pfeifen seines Besitzers lässt ihn aber verstummen. Sekunden danach kommt ein kleiner Mann um die Ecke. Er trägt Gummistiefel und einen weitgeschnittenen Hut, der sein Gesicht zwar verdeckt, die uns darunter freundlich entgegenblickenden Augen aber nicht. Wir beginnen, uns zu unterhalten und im Nachhinein schmunzel ich immer noch ein wenig über unsere unangebrachte Angst. Schließlich, so erzählt der Mann uns, sei er gerade auf der Suche nach einer seiner Kühe, die ihm entlaufen sei. – An dieser Stelle würde ich ja gerne den Namen dieses Mannes verwenden, aber da wir drei 3 verschiedene Namen, von Alejandro über Oscar, in Erinnerung haben, lasse ich das lieber.

Jedenfalls vertiefen wir unser Gespräch und werden sogar auf einen Kaffee auf seiner kleinen Farm ganz in der Nähe eingeladen. Der Weg dahin führt das Tal hinunter und wir verlassen den Weg am Kanal entlang und biegen auf einen kleinen, von Sträuchern bedeckten Trampelpfad ab. Er erzählt uns, dass außer ihm sonst niemand in diesem Tal lebe. Der Weg führt weiter hinab Richtung Fluss und plötzlich stehen wir vor einer Hängebrücke, die ihre besten Tage definitiv schon hinter sich hat. Lachend eilt unser Gastgeber voraus über die wacklige Brücke, die von nicht mehr als drei Drahtseilen zusammengehalten wird. Einer nach dem anderen laufen wir vorsichtig über die Brücke, um sie nicht zu überlasten und in den Fluss zu stürzen. Doch zum zweiten Mal an diesem Tag stellt sich unsere Angst als unbegründet heraus.

Eine kleine Hütte, mehrere Ziegen und Kühe und das war’s. Aus mehr besteht die kleine Farm, wenige Meter neben dem Fluss, nicht. Wir trinken unseren Kaffee, versuchen noch ein kleines Gespräch in Gang zu bringen, müssen uns dann aber verabschieden, weil die Sonne schon fast hinter den Bergen verschwunden ist. Schnell bekommen wir noch ein paar Orangen aus dem kleinen Garten in die Hand gedrückt, dann machen wir uns auf den Weg, die Hängebrücke und den Trampelpfad bis zum Kanal hinauf. Oben sehen wir die letzten Sonnenstrahlen verschwinden und die geschlungen Hügel in ein warmes Licht eintauchen.

Ganz entspannt lassen wir unseren spannenden Tag bei einem kleinen Lagerfeuer am Zelt mit unseren geschenkten Orangen – ja, unsere Proviantplanung war wie immer ausbaufähig – ausklingen. Als besonderer Abschluss kam sogar noch ein Affe, vermutlich vom Rauch des Lagerfeuers gestört heraus und bewarf uns, die Eindringlinge, mit kleinen Mango-Stückchen.

So schlecht unser Trip mit dem Rucksack-Diebstahl auch angefangen hatte, umso schöner endete er mit einer unglaublich schönen Erfahrung. Das Tal, die Hängebrücke und der Besuch der kleinen Farm. Und wieder einmal merkt man, dass dieses Land sehr viele, verschiedene Facetten hat. Und nach einem negativen Erlebnis folgt schnell ein schönes und spannendes. Bloß was unser Entdecker-Gefühl angeht, wurden wir ein wenig enttäuscht. Denn am nächsten Morgen mischte sich zum Rauschen des Flusses auch das von einigen größeren Menschengruppen, die den Fluss hinauf nach Badestellen für ihren sonntäglichen Ausflug suchten. Tja, sind wir wohl doch nicht ganz so wild unterwegs gewesen, wie gedacht…